Epistolae 9

MGH Epp. 9 BEb4

Nummer: BEb4
Inhalt: Ein Propst oder Bischof bittet einen Erzbischof um Nachricht über das Verhalten der Bevölkerung in der „Provinz“ des Adressaten, besonders über das Ausmaß des Abfalls vom König. Er rät in dem Streit zwischen dem Adressaten und dem Grafen Gairardus (von Vienne ?) zum Frieden und klagt über die Verletzung der Rechte seiner Kanoniker in der Diözese des Empfängers durch eigene und dessen Vasallen, darunter Lantbert und Komplizen und verlangt Bestrafung. Er teilt den Tod eines Bruders mit.
Datierung: Nov./Dez. 870, um 868 (?)
Region: Westfr.
Absender: Propst Manno von Saint-Oyand-de-Joux († nach 893) oder unbekannter B. (?)
Adressat: unbekannter Eb. (Ado von Vienne, 860-875, ?)
Incipit: --- (Fragment)
Überlieferung: Einzelbrief (Minuskel und tironische Noten)
Hs(s):
  • Cambridge, Fitzwilliam Museum, McClean Collection 52 fol. 2v
  • 9. Jh. 2. Hälfte, Frankreich, möglicherweise Reims
  • Lit.: Montague Rhodes James, A Descriptive Catalogue of the McClean Collection in the Fitzwilliam Museum (1912) S. 103-105, Abb. von fol. 2v auf Tafel XL [Katalog ist online]; Arthur Mentz, Ein Brief des 9. Jahrhundert in Tironischen Noten, in: AUF 14 (1936) S. 211-230, hier S. 211; Bischoff, Briefe (1984) S. 136; Bischoff, Katalog 1 (1998) S. 181 Nr. 823; Index tironianorum: http://www.martinellus.de/index/indexti.htm#cambridge52
Druck(e):
  • Mentz, Ein Brief (1936) S. 211-214
  • Bischoff, Briefe (1984) S. 137 f.
Regest(en):
  • ---
Literatur:
  • Mentz, Ein Brief (1936) S. 215-230
  • Bischoff, Briefe (1984) S. 136
Bemerkungen:
  • Text liegt vor.
  • Der Text ist nicht nur fragmentarisch überliefert, sondern auch zum größeren Teil in tironischen Noten und sehr „gezierter“ Sprache verfasst, der Absender zitiert Vergil und scheint ein griechisches Glossenwort (dromo Z. ■) zu verwenden, vgl. Bischoff, Briefe 1984, S. 136 Es könnte sich um einen stenografischen Entwurf handeln.
  • Die Datierung des Schreibens hängt davon ab, mit wem man den im Text Z. ■ genannten Grafen Gairardus identifiziert. Bischoff, Briefe (1984) S. 136 hält ihn möglicherweise für den Grafen Gerardus von Bourges, gegen den Karl der Kahle 868 einen erfolglosen Feldzug unternahm. Bei dieser Auseinandersetzung ging es darum, den vom König eingesetzten Grafen Acfridus zu rächen, der von Gerhards Leuten enthauptet worden war. Nach der erfolglosen Besetzung von Bourges verwüstete Karl die Umgebung in einem Maße, ut dici ore non possint, vgl. im einzelnen Annales Bertiniani zu 867 und 868, hg. von Grat u.a. (1964) S. ■. Dagegen hören sich die im Brief geschilderten Schandtaten vergleichsweise harmlos an und ein vorheriges Sondieren beim Erzbischof (Wulfad, 866-876), wie es um die res regni in der Stadt stünde, war wohl kaum erforderlich. Zu Graf Gerardus von Bourges vgl. auch RI I,3,4 Nr. 2648.
  • Mehr Bezüge lassen sich finden, wenn man den Grafen als Gairardus (Girardus, Gerhard) von Vienne († 878/79), als Adressaten Eb. Ado von Vienne (860-875) und als Absender Propst Manno von Saint-Oyand de Joux († nach 893) annimmt und den Brief auf Nov./Dez. 870 datiert.
  • Im April des Jahres 870 fand in Vienne ein Placitum unter der Leitung des Grafen Gerhard und des Eb. Ado statt, die Urkunde wurde nach Post-Obitum-Jahren Lothars II. datiert, was deutlich macht, dass Karl der Kahle in Vienne noch nicht anerkannt war, vgl. RI I,3,4 Nr. 2621. Das zeigt auch eine eine Diözesansynode in Vienne, die im selben Monat tagte und bei der Eb. Ado auf Bitten des Propstes Manno von Saint-Oyand dem Kloster den Besitz Kirche Saint-Pierre in villa Velnis in der Diözese Vienne (wohl Vernioz, arr. Vienne, cant. Vienne-2) bestätigt und die Urkunde nach Episkopatsjahren Ados datiert, vgl. RI I,3,4 Nr. 2623. Durch den Vertrag von Meerssen (8. August 870) wurde das Reich geteilt, Karl der Kahle erhiellt u. a. das Erzbistum Lyon, die Grafschaft und Abtei Saint-Oyend und die Grafschaft und das Erzbistum Vienne, das dadurch von seinen Suffraganen abgeschnitten wurde, die unter der Herrschaft des Kaisers Ludwig II. von Italien lagen, vgl. RI I,3,4 Nr. 2626, de facto aber unter der des Grafen Gerhard von Vienne, der sich Karl widersetzte. In Vienne gab es entsprechend zwei Parteien, einerseits die Anhänger Karls und andererseits die des Kaisers bzw. des Grafen Gerhard. Ado, eigentlich ein Parteigänger Karls, vgl. RI I,3,4 Nr. 2627, befand sich zwischen den Fronten, vgl. dazu Kremers, Ado (1911) S. 51-53. Ende November zog Karl der Kahle von Lyon aus gegen Vienne, das von Berta, der Gemahlin Gerhards, gehalten wurde (RI I,3,4 Nr. 2630) und begann mit der Belagerung der Stadt, in deren Verlauf die umliegende Gegend stark verwüstet wird. In diese Situation passt der Brief: Die Frage nach den Königstreuen in der Stadt, die Mahnung zum Frieden mit dem Grafen, die Klage über die Schandtaten gegen die Kanoniker des Absenders. Als Adressat kommt Eb. Ado von Vienne infrage, auch wenn nicht bekannt ist, ob sich Ado zur der Zeit in Vienne aufhielt, aber das nahe Weihnachtsfest legt es nahe, vgl. Kremers, Ado (1911) S. 52 Anm. 3. Karl dem Kahlen gelang es auf „listige Weise“ – vielleicht mit Hilfe Ados -, die Anhänger Gerhards in der Stadt für sich zu gewinnen, Gerhard kommt nach Vienne, übergibt anscheinend kampflos die Stadt am 24. Dezember 870, vgl. RI I,3,4 Nr. 2631 und 2632.
  • Während Bischoffs Annahme, der Adressat des Briefes sei ein Eb. gewesen, unbestritten ist, geht aus dem Text nicht eindeutig hervor, dass der Absender ein Bischof war. Er spricht von praesentis ovilis nobis divinitus commissa (Z. ■) und canonici subiectionis nostre … in diocesi vestro (Z. ■), so kann auch ein Propst seine Untergebenen bezeichnen. Es liegt daher nahe, an Manno von Saint-Oyand zu denken, zumal es die Urkunde Ados zu seinen Gunsten vom April 870 gibt, siehe oben ■. Manno stand auf Seiten des Königs und war ein äußerst gebildeter Mann, ab 875 Leiter der Palastschule Karls des Kahlen, was auch das Vergil-Zitat und das griechische Glossenwort erklären würde. (Vgl. zu Manno Anne-Marie Turcan-Verkerk, Mannon de Saint-Oyen dans l’histoire de la transmission des textes, in: Revue d’histoire des textes 29, 1999, S. 169-243.)
  • Für einen Zusammenhang des Briefes mit Vienne statt Bourges spricht außerdem die Überlieferung: In der Hs. folgt ein Auszug aus Ados Martyrologium, vgl. Bischoff, Briefe (1984) S. 136.

BEb4 Text

Propst Manno von Saint-Oyand oder unbekannter B. an einen unbekannten Eb. (Ado von Vienne ?) Nov./Dez. 870 oder um 868 (?)

Text nach Hs. und Bischoff (Bi) S. 137 f. Für die Überprüfung der tironischen Noten danke ich Martin Hellmann.

………………………….…[a] in totius mundi auctore et salvatore salutem[b] supernam[c]. Decus[d] notabilitatis vestre undique secus ita compertum in omnibus habetur, ut non cum ulla cuiusdam status qualitate turbetur, immensas omnis boni largitori agimus gratias. Sed et nostram parvitatem[e] eius opitulari gratia protegente quantulacumque sospitate vigere cognoscite. Quod superest, petimus, ut quia cura praesentis[f] ovilis nobis divinitus commissa[g] ac per hoc propulsa omni intercapedine sollerti cautela incisa[h], quo, quomodo res regni participium[i] vestrum[j] sese agat ac varietas indigenarum illius provintiae, si in dei domnique regis servicium tenaci fidelitatis glutino agglomeratur, quotque[k] fluituri[l] quotve secus quam pax et ordo regni deposcat, in contrariam partem deficiant, prout dinoscentiam nostram dignam censetis, certam reddere non dedignemini. Paternitatis tamen vestri devotissma filiatione[m] confisi hortamur, simul et ortando[n] accusamur[o], quoniam quidem et nobilitas generis et vivacis acumen ingenii ad huiusmodi sedanda divortia ultro claritudini vestre suppeditant, pro viribus id persequi, uti certissime credimus, non refragemini.

Sinistro siquidem fame relatu nuperrime[p] nobis imminuit magnificentiam vestri et Gairardum[1] comitem gravissimis simultatibus dirimi adeo, ut ea, quae semper scissa gaudet discordia palla[2], in mutuam cedem evertere temptaverit; quod quam maxime moleste perferimus. Quapropter adprime efflagito, ut sicut filii pacis[3] ea, quae paci consulunt et proprii officii dignitas postulat, nulla frequentis pulveris contagione fedati ex[q] animo imponere minime gravemini. Enimvero veremur, ne, si huiusmodi procellae caput[r] attulerint, navis ecclesie vobis commisse, cuius tutissimam protectionem uti nostre acutissime[s] concupivimus, cum ipso gubernatore, cuius amicitiis abundantibus[t] anchoram flagrantissimę dilectionis iniecimus, amarissimo fluctuum dromo[u] acerrime[v] praeter spem inficiatur. Flagitium[w] beatitudinem vestri nullatenus praeterit, quid canonici subiectionis nostre hoc tempus[x] excurrentem super villulis suis[y] in diocesi vestro[z] sitis defuncti sint, quamquam benignam paternitatis vestre pollicitationem super eisdem a vobis acceperint, videlicet ut ea, quae illis in partibus ad usus illorum conspiciunt, paterne sublimitas vestri ab omnibus piratis tueretur. Nunc vero quantum non ab exteris, verum ab ipsis consanguineis[a] nostris vasallis scilicet vestris Lantberto[4] aliisque sibi complicibus tam villule quam mancipia depraedantur. Omnimodis expetimus, ut imperiosa auctoritate ulterius hoc scelus fieri inhibeatis. Simul etiam et de patrato districtissimam iustitiam procurantes in reliquum[b] easdem res munitissima protectione conservari faciatis.

Orantem pro nobis beatidudinem vestri dominus semper et ubique conservare dignetur. Fratrem nostrum dum rebus excessisse humanis vobis significo, lacrimis suffundor pectus. Humiliter obsecro tam per vos quam per omnes vestrae dioceseos virtutis viros[c] necnon per vicinarum[d] urbium sancte religionis patres misericordiam domini exorare defungemini[e].

a. Von der ersten Zeile, der eine weitere vorausgegangen sein könnte, sind durch Beschneiden nur wenige Zeichen, meist Endungen erhalten, vgl. Bischoff, Briefe (1984) S. 137 Z. 1. Die Lesung ist bis hierhin unzuverlässig.

b. fehlt Bi.

c. fehlt Bi, Notenkörper S vorhanden, die Endung scheint oben abgeschnitten.

d. Endung –us fraglich.

e. Endung -tem vermutlich in der engen Bindung.

f. praeit Bi.

g. a divinitate commissi Bi.

h. Endung -sa undeutlich.

i. particeps Bi.

j. Endung -rum undeutlich.

k. quod mit Punkt (-que).

l. Lesung spekulativ, in der Hs. fluxit statt fluit mit der zusätzlichen Endung -uri.

m. flectione (?) Bi.

n. korr. aus ortamur Hs.

o. accusamus (?) Bi.

p. nuperrimae Hs.

q. undeutliche Note, Bi.

r. ... Bi.

s. CNT 73,51 mit schrägem statt senkrechtem Abstrich, libentissime (?) Bi.

t. Endung -antibus undeutlich, abundantiae Bi.

u. romo Hs., vgl. dazu Bischoff, Briefe (1984) S. 136 und S. 138 Anm. bb.

v. acerrimo Bi.

w. CNT 42,62 mit der Endung rechts statt links.

x. iter Hs., wohl fälschlich für tempus, vgl. Bischoff, Briefe (1984) S. 136 und S. 138 Anm. dd.

y. fehlt Bi.

z. so Hs. tir.

a. CNT 74,7 mit Rechtsbogen statt mit Linksbogen beginnend.

b. futurum Bi.

c. viri Hs. tir.

d. Endung –arum undeutlich.

e. so Hs. Bischoff, Briefe (1984) S. 138 Anm. pp schlägt dignemini als Konjektur vor. Geht man von defungi im Sinne von ‚etwas zu Ende bringen, erledigen, ausführen‘ aus, ist diese Konjektur nicht erforderlich, es fehlt dann in dem Satz allenfalls eine Konjunktion.

1. Möglicherweise Gf. Gerardus von Bourges, gegen den Karl der Kahle 868 einen erfolglosen Feldzug unternahm, vgl. dazu Bischoff, Briefe (1984) S. 136. Eher wohl Gf. Gairardus (Girardus, Gerhard) von Vienne († 875), siehe dazu oben ■.

2. Vgl. Vergil, Aen. 8,702: et scissa gaudens vadit Discordia palla.

3. Vgl. Luc. 10,6.

4. Mit wenig Wahrscheinlichkeit Markgraf Lantbert II. von Nantes († 01.05.852), vgl. dazu Bischoff, Briefe (1984) S. 136. Da eine Standesbezeichnung fehlt, dürfte es sich eher um einen Vasallen des Adressaten handeln und das Todesdatum Lantberts von Nantes spielt dann keine Rolle für die Datierung des Briefes.

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