Adrian Kammerer, Der dominikanische Drittorden. Studien zum deutschsprachigen Raum im 15. und frühen 16. Jahrhundert (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens, N. F. 28) Berlin / Boston 2024, De Gruyter, X u. 219 S., ISBN 978-3-11-132354-1, EUR 99,95. – Das Buch, das aus einer 2022 an der Univ. Köln unter der Leitung von Sabine von Heusinger verteidigten Diss. hervorgegangen ist, widmet sich in innovativer Weise der Erforschung des dominikanischen Drittordens in den Provinzen des Predigerordens Teutonia und Saxonia – letztere eine Provinz, die sich bis in den heute niederländischsprachigen Raum (ab 1515 zur Provinz Germania Inferior gehörend) erstreckte. Angesichts des Umfangs dieses Untersuchungsgebiets – das zu Beginn des 16. Jh. mindestens 194 Klöster umfasste – und des zeitlichen Rahmens – das letzte analysierte Dokument stammt aus dem Jahr 1526 – basiert der gewählte Ansatz auf Beispielen und Fallstudien, was K. in einer sehr klaren Einleitung begründet, in der er den Forschungsstand sowie die Fragestellung, die methodischen Zugänge und die Quellen seiner Arbeit darlegt. Insbesondere geht es darum, nicht nur die Rolle der Reformbewegung der Observanz zu untersuchen, deren Bedeutung für die „Normative Zentrierung“ (Berndt Hamm) des 15. und 16. Jh. bekannt ist, sondern auch die Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren zu analysieren und die Rolle der agency oder Handlungsmacht von Frauen zu bewerten, da alle identifizierten Gemeinschaften Frauengemeinschaften waren. Das Buch ist neben Einleitung und Fazit in vier Kapitel unterteilt. K. ist stets bemüht, seinen Leser zu begleiten, indem er Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten schafft, jedes Dossier und jede Quelle sehr konkret vorstellt und schließlich darauf achtet, die Elemente hervorzuheben, die es ermöglichen, über die Gegenüberstellung von Fallstudien hinauszugehen und, soweit möglich, eine Gesamtanalyse zu skizzieren. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Engagement des Predigerordens dafür, die Regel für Tertiaren und Tertiarinnen – am 26. Juni 1405 vom römischen Papst Innozenz VII. approbiert – zu legitimieren und zu verbreiten. Die Fälle von Nürnberg (ab 1405), Freiburg im Breisgau (1419) und Straßburg (1420) sowie später im 15. Jh. Frankfurt am Main zeigen deutlich die enge Beziehung zwischen den Bemühungen zur Verbreitung der dritten Regel und der Observantenreform – in Freiburg und Straßburg mit Bruder Peter von Gengenbach – im Zusammenhang mit der Verfolgung der Beginen. Es handelte sich um eine Schutzmaßnahme, mit der der Orden die Interessen der mit ihm verbundenen Laien verteidigte. Im dritten Kapitel analysiert K. die Modalitäten der Regulierung von Frauengemeinschaften, ausgehend von einfachen Fragen (Welche ordensinternen Kommunikationsprozesse gab es? Wer entschied?), deren Antworten – wenig überraschend – nuanciert und vielfältig sind. In Freiburg im Breisgau war der vom Generalkapitel beauftragte Reformator Peter von Gengenbach die zentrale Figur bei der Umwandlung einer alten Beginengemeinschaft, der Schwestern „auf dem Graben“. In Frankfurt am Main muss die Gründung der „Rosenberger Einung“ durch eine reiche Witwe im Jahr 1452 im Kontext der Politik des Stadtrats zur Kontrolle der Beginen und Begarden gesehen werden, wie die Arbeiten von Martina Spies gezeigt haben. In Friedberg (Hessen) scheint ein Brief aus dem Jahr 1465 zu belegen, dass die Initiative von den Schwestern ausging. Das Zusammenspiel verschiedener Akteure ist besonders deutlich im Fall des „Klosters Galiläa“ zu erkennen, dessen Geschichte um 1420 auf dem Keppelsberg in der Nähe von Meschede (Sauerland) mit einer Klause begann. Mächte außerhalb des Dominikanerordens konnten eine wichtige Rolle spielen, wie der Fall der Diözese Konstanz zeigt, in der die bischöflichen Regelverleihungen aus dem zweiten Viertel des 15. Jh. von einer anhaltenden Tendenz zur Regularisierung der Beginen und anderer in Klausen lebender Schwestern zeugen. Letztendlich zeigen die untersuchten Dossiers, wie sehr sich „der Prozess der Regelverbreitung ... nicht als geradlinig, sondern als facettenreich und teilweise widersprüchlich erwiesen“ hat (S. 98). Die Observanz hatte kein Monopol darauf, denn der Drittorden konnte auch von konventualen Dominikanerklöstern unterstützt und gefördert werden. Die führende Rolle der Reformdynamik de observantia ist deutlicher sichtbar in den Privilegien, auf deren Grundlage Tertiaren und Tertiarinnen in die Konvente des Ersten und Zweiten Ordens integriert wurden, wie Kapitel 4 zeigt, in dem K. auch versucht zu unterscheiden, welche Stellung und Aufgaben sie dort hatten, und „welche sozialen Phänomene den Hintergrund für den Einsatz der Drittregel im Konventsleben bildeten“ (S. 100). Die Aufgabe ist nicht einfach, zumal die Mitglieder des Drittordens unter den anderen Arbeitskräften der Konvente, zwischen laikalem Gesinde und Laienbrüdern oder -schwestern – auch Konversen genannt – identifiziert werden müssen. Die Untersuchung führt zu einer wichtigen Problematik des religiösen Lebens im späten MA zurück, die seit einigen Jahren Gegenstand kollektiver internationaler Forschungsprogramme wie Sorores. Les religieuses non cloîtrées en Europe du Sud, XIIe–XVIIIe siècles (https://sorores.hypotheses.org) ist: den Lebensformen zwischen Kloster – also Klausur und Gelübde – und Welt, die insbesondere von Frauen gewählt wurden, und den Veränderungen, die diese Konstellation unter dem Einfluss der starken und zwingenden Reformtendenzen des 15. und frühen 16. Jh. erfahren hat. In Fortführung des Vorhergehenden befasst sich Kapitel 5 mit den „religiösen Distinktionszeichen“ – den Gelübden, der Kleidung, der Klausur, Synonyme für geweihtes religiöses Leben – und dem Rechtsstatus der Tertiaren und Tertiarinnen. Ohne Nuancen und nichtlineare Entwicklungen zu vergessen, bestätigt die Studie hier, was andere Arbeiten, insbesondere über Italien und den Franziskanerorden, gezeigt haben – das, was man als „Verklösterlichung“ bezeichnen kann. Eine Schlussbetrachtung wurde nicht vergessen, auch wenn es überraschend erscheinen mag, dass sie als Kapitel 6 präsentiert wird (S. 166–173). Eine Zusammenfassung auf Englisch, ein Editionsanhang mit vier Urkunden, ein Quellen- und Literaturverzeichnis, drei Indices (Personenregister, Ortsregister und ein kurzes Sachregister mit 26 Einträgen) vervollständigen das Buch, das für die Historiographie des religiösen Lebens im Spät-MA nützlich und wichtig ist.
Ludovic Viallet