Antje Thumser, Die ‘Bayerische Chronik’ des Ulrich Fuetrer. Überlieferung – Textgenese – Produktions- und Wirkungsstrategie (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des MA 154) Wiesbaden 2024, Reichert Verlag, XII u. 668 S., ISBN 978-3-7520-0767-1, EUR 128. – Die umfängliche Studie ist einerseits gewagt und andererseits geglückt. Das Wagnis besteht im Aufgreifen eines Werks, das bislang weder in der Geschichtswissenschaft noch in der Germanistik in wirklich hohem Ansehen stand. Hinzu kommt, dass die Vf. aus germanistischer Warte durchaus mit interdisziplinärem Anspruch sich der Bayerischen Chronik des Münchener Hofmalers Ulrich Fuetrer widmet. Letztere hatte freilich bereits im Humanisten Aventinus einen scharfen Kritiker, der die Ausführungen des Laienhistorikers Fuetrer einmal sogar als „lauter merl“ abtat. Und noch prekärer wird die historiographische Ausbeute des Münchner Malerpoeten vor dem Hintergrund der habsburgischen Geschichtsschreibung und ihrer maßgeblichen Auftraggeber in Gestalt von Kaiser Friedrich III. und Kaiser Maximilian I., welche sich professioneller Historiographen der Universitäten Wien und Freiburg im Breisgau bedienen konnten, denn die Geschichtsschreibung wurde an den Universitäten traditionell dem Trivium zugerechnet. Auch wenn die habsburgischen akademischen und professoralen Geschichtswerke wie etwa die Österreichische Chronik von den 95 Landesherrschaften zu nicht minder fantasievollen Herrschergenealogien kommen als Fuetrers Bayerische Chronik, eignet der Wiener Chronistik des Spät-MA eben doch eine gewisse akademische Aura zum Nutzen der habsburgischen Landesherrschaft. Während die Habsburger sich als eigentlich fremdes Herrschergeschlecht beim einheimischen Adel in Österreich mit Hilfe einer habsburgfreundlichen Chronistik erst etablieren mussten, trachteten die einheimischen Wittelsbacher als „Haus Baiern“ in der Darstellung Fuetrers nach genealogischer Legitimierung bis zurück in die Karolingerzeit. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass die baierischen Wittelsbacher erst ab 1472 mit Ingolstadt eine eigene Universität als Quelle einer akademischen Historiographie hatten, bleibt die Leistung des Ulrich Fuetrer als eines historiographischen Dilettanten und noch ohne universitäre Flankierung nur umso bewundernswürdiger. Und diese historiographische Leistung wird von Th. mit aller nur wünschenswerten Detailgenauigkeit untersucht. Methodisch orientiert sie sich dabei letztlich an der Würzburger Schule der Text- und Überlieferungsgeschichte, die den Weg wies zur Bewältigung breiter Textüberlieferung in Prosa und letztlich begründet und maßgeblich vorangetrieben wurde von Kurt Ruh, Georg Steer und Werner Williams-Krapp. Th.s Studie fügt sich geradezu mustergültig in diese Schule ein. Th. bleibt nicht bei den Texten stehen, sondern bezieht immer auch Buchmalerei und sogar Wandgemälde der Münchener Residenz im Alten Hof in ihre Untersuchungen mit ein. Obwohl die Monographie keine Abbildungen aufweist, sind gerade die Ausführungen zu Buchmalerei, Schriftarten und Schreiberhänden durch die zahlreichen Digitalisate im Netz gut nachvollziehbar. Ausführlich wird die historiographische und germanistische Forschungsgeschichte der Bayerischen Chronik Ulrich Fuetrers kritisch entfaltet. In bisher nie geleisteter Klarheit und Ausführlichkeit werden vier Redaktionen des Werks unterschieden und in ihren einzelnen Überlieferungsträgern detailliert in den Blick genommen. Während Fuetrers Redaktionen zunächst am Hof nicht reüssiert hätten, seien die jüngeren Bearbeitungen, für die Th. auch die Autorschaft rekonstruiert, erfolgreicher gewesen. Genaue Textanalysen und Hss.-Beschreibungen machen die Argumentation immer nachvollziehbar. Diese Analysen münden (S. 599) in ein Stemma. Dabei kann Th. die ersten beiden Redaktionen Ulrich Fuetrer selbst zuweisen und sogar ein Fragment des Autorexemplars der zweiten Redaktion identifizieren. Auch für die dritte und vierte Redaktion vermag die Vf. einen ‘Sitz im Leben’ nicht zuletzt literaturgeschichtlich plausibel zu machen. Bei der Beschreibung der Rezipienten (S. 64–72) listet sie kundig verschiedene konzentrische Kreise um den herzoglichen Hof auf. Th.s Hinweise zu stiller Lektüre für einzelne und zum mündlichen Vortrag für größere Kreise (etwa im Alten Hof) sind stichhaltig. Vielleicht hätte noch ein Rekurs auf die Kategorien litterati versus illitterati der Argumentation gutgetan, weil viele Laien am Hof volkssprachige Literatur leicht rezipieren konnten, aber eben nicht lateinischsprachige. Letztere dürfte für Ulrich Fuetrer, der wohl eine Lateinschule besucht hatte, kein Hindernis gewesen sein. Von daher konnte er auf deutschsprachige und lateinische Quellen zurückgreifen, nicht nur in München, sondern auch am Augsburger Ulrichskloster (S. 80f.). Letzteres war bekanntlich im 15. Jh. im Gefolge der Melker Reform besonders offen für den Austausch mit Laien. Religiöse Laien im Patriziat und am Hof rezipierten aber nicht nur Fuetrers Bayerische Chronik, sondern auch seine epischen und romanhaften Werke. Die dort entwickelten Erzähltechniken und epischen Verfahren der Stoffverdichtung und Entfaltung setzte er, wie die Vf. immer wieder am Einzelfall zeigt, gekonnt auch in seinem Geschichtswerk ein. Es ist ein Verdienst von Th., immer wieder Fuetrer als ganze Künstlerpersönlichkeit zu präsentieren, als Historiker, Epiker und nicht zuletzt als Maler. An dieser verdienstvollen Studie mit ihren vielen spannenden Einzelbeobachtungen gibt es für mich nur wenig auszusetzen, allenfalls etwa an folgender Stelle (S. 213): „Fuetrers mittelbairischer Schreibdialekt wurde von dem schriftsprachlich sichtlich fortschrittlicheren Redaktor in Ostmitteldeutschland offenbar als roh und dessen Wortwahl als veraltet empfunden, denn Archaismen wurden konsequent modernisiert. So wird triſkamer ersetzt durch ſchatzkamer, jach durch ſprach, diet durch volck, ſunder durch one, bewaren durch ſchutzen, vogtpär durch alt genug“. Eine sprachhistorisch zutreffendere Kategorie wäre hier eher der Gegensatz zwischen einer oberdeutsch geprägten Hochsprache und einer mitteldeutsch geprägten. Eine mit Fuetrer vergleichbare oberdeutsche Hochsprache findet sich etwa beim ebenfalls in wittelsbachischen Diensten stehenden Ulrich Tengler und seinem Laienspiegel (1509 und 1511). Einer interessanten These Th.s würde ich nicht folgen wollen: „Als möglicher Verfasser der Münchner Tituli wurde von der Forschung bislang Ulrich Fuetrer favorisiert … Bei aller gebotenen Vorsicht sei an seiner Stelle ein anderer Name ins Spiel gebracht. Hierfür böte sich der Dichter und Sänger Michel Beheim“ an (S. 40). Dagegen spricht meines Erachtens die rein mittelbairische Schreibart der Tituli ohne auch nur geringste Spuren von Beheims ganz anderem Heimatdialekt. Aber diese Kleinigkeiten nehmen der Studie nicht ihr Gewicht. Denn man wird künftig bei der Beschäftigung mit Ulrich Fuetrers Bayerischer Chronik, aber auch seinem übrigen Werk, an der verdienstvollen Monographie von Th. nicht mehr vorbeikommen.
Klaus Wolf