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Anne Greule, Prediger der Transformation. Alain von Lille und die Pariser Schulen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (Pariser Historische Studien 131) Heidelberg 2025, Heidelberg Univ. Publishing, 575 S., ISBN 978-3-96822-295-0, EUR 64. – Alanus ab Insulis zählt zweifelsohne zu den herausragenden Magistern des 12. Jh. Zugleich wird er als eine eher singuläre Gestalt ohne klare Zuordnung zu einer der Schulen wahrgenommen. Singulär ist Alanus aber nicht zuletzt aufgrund der Vielfalt der literarischen Genres, die er bedient: Dichtung, systematische Theologie und Wissenschaftslehre, Enzyklopädik und Apologetik, Axiomatik und Homiletik, Bibelexegese und auch ein umfassendes Predigtœuvre, das bislang im Vergleich mit den dichterischen und systematischen Werken weit weniger Aufmerksamkeit gefunden hat. Diesem Desiderat will die Vf. nicht nur abhelfen, sondern den Magister Alanus zudem als Prediger der Transformation profilieren. Damit bezieht sie sich auf den Transformationsprozess der Schulen im 12. Jh., der schließlich zu einer neuen Institution geführt hat: der Universität. Während sich die institutionellen Schritte recht gut nachvollziehen lassen, die zum Zusammenschluss der Pariser Magister und Studenten zur universitas führten, stellt die Frage, wie es zum gemeinschaftlichen Handeln der Lehrenden kam, ein Forschungsdesiderat dar. Einer der maßgeblichen Akteure war Magister Alanus, der in der zweiten Hälfte des 12. Jh. gut 15 Jahre in den Pariser Pfarrkirchen links der Seine zu Magistern und Studenten predigte, die – das zeigen die Predigten – sein primäres Zielpublikum waren. Die besondere Idee der Studie liegt also darin, diese Predigten als historische Quelle für einen Zugang sowohl zu den institutionellen wie zu den persönlichen Motiven zu nutzen. Hierbei greift die Vf. die Arbeiten von Marie-Thérèse d’Alverny auf. Nach einer gründlichen Evaluation können 93 Predigten als authentisch angesehen werden. Im Anhang finden sich ein vollständiger Überblick über die erhaltenen Predigten und ihre chronologische Reihung sowie die Edition von zwei Predigten. Dort findet sich ferner eine Variantensynopse zu Alanus’ Ars praedicandi, einem viel gelesenen Handbuch der Predigtkunst, das auch 27 Modellpredigten enthält und in über 140 Hss. überliefert ist. Die Studie selbst umfasst sieben Kapitel. Die Einleitung bietet eine umfassende Einordnung der Fragestellung in den Stand der Forschung. Darauf folgt ein Kapitel zu den Pariser Schulen im „langen“ 12. Jh. auf dem Weg zur Universität. Ein biographisches drittes Kapitel korrigiert einige Fehlzuschreibungen und rekonstruiert Stationen und Beziehungen des Magisters. Das vierte Kapitel behandelt Predigten als historische Quelle und das Predigtcorpus des Alanus im besonderen, auch in philologischer Perspektive. Die folgenden drei Kapitel liefern Bausteine für den Transformationsprozess von den scholae zur Universität. Das fünfte Kapitel befasst sich mit Wissenschaftsklassifikationen und Erkenntnistheorien im 12. Jh. und handelt sodann von den Wissensordnungen und Erkenntnismodi in den Predigten des Alanus unter Bezugnahme auf die Summa Quoniam homines und die Regulae. Diese Lektüre der Predigten vor dem Hintergrund der beiden systematischen Hauptwerke des Alanus ist sehr aufschlussreich. Das sechste Kapitel untersucht das Verhältnis von Schülern und Lehrern und arbeitet das scholastische Verhaltensideal eines forschenden Lernens heraus, das zugleich als gemeinsamer Weg der Vervollkommnung verstanden werden muss. Auf diese Weise erhalten wir einen Einblick in die allmähliche Herausbildung eines wissenschaftlichen Habitus. Das siebte Kapitel schließlich stellt Maria als scholastisches Vorbild einer gebildeten Frau dar, die alle Eigenschaften besitzt, die Alanus den Pariser Magistern und Studenten als erstrebenswert anpreist. Nicht zufällig wird die Universität Paris in ihrem Siegel die Sedes Sapientiae als Identifikationsfigur führen. Die lesenswerte Studie vermittelt neue Einblicke in eine institutionengeschichtlich bedeutsame Entwicklung der Schulen des 12. Jh. hin zur Universität aus der Perspektive des Alanus ab Insulis, der als Prediger gleichermaßen Zeuge und Akteur dieser Transformation war.

Andreas Speer