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Digitale Vorab-Veröffentlichung der Rezension aus DA 81,1 (2025) *.

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Gerhard Fritz, Wasserkraftnutzung im Mittelalter in Südwestdeutschland und angrenzenden Gebieten. Mühlen, Sägen, Hammerwerke und andere wassergetriebene Anlagen (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg Reihe B 216) Ostfildern 2024, Thorbecke, CIX u. 1013 S., Abb., Register und 19 Anlagen auf beigefügter CD-Rom, ISBN 978-3-7995-9581-0, EUR 88. – Über die Wassermühlen des MA ist in den letzten Jahrzehnten viel geforscht worden, historisch wie archäologisch. Das kolossale Werk des in Schwäbisch Gmünd wirkenden Historikers umfasst diese Arbeiten mit Schwerpunkt Südwestdeutschland inklusive Elsass, Teilen der deutschsprachigen Schweiz und darüber hinaus. Es ist eine wahre Bibel der Mühlenkunde vom frühen MA bis ins 15./16. Jh. Diese enorme Forschungsleistung stützt sich – ergänzend zu den zahlreichen süddeutschen Urkundenbüchern, Urbaren, Weistümern, Lagerbüchern, Rechnungen etc. – auf eine Nachlese in den sechs baden-württembergischen Staatsarchiven. Eine angemessene Wiedergabe des Inhalts ist auf begrenztem Raum kaum möglich. So seien in Kürze wenigstens die meist umfangreichen, stark untergliederten Hauptteile genannt: 1. Quellen, 2. Forschungsstand, 3. Frühe Mühlen (8.–9. Jh.), 4. Mühlenpersonal, 5. Mühlenzahlen und Konjunktur, 6. Mühlenrecht, 7. Wert der Mühlen, 8. Wirtschaftsweise und Arbeitsalltag, 9. Lage und technische Ausstattung, 10. Spezialmühlen. Die einzelnen Kapitel erreichen bis zu 160 Seiten Umfang, inhaltlich gehen sie über die im Untertitel genannten Themen weit hinaus. Teil 5 zeigt auch die Bautätigkeit, Teil 6.1 u.a. die Unterhaltung der Mühlgräben. Teil 8 schließt mit den energiegeschichtlich besonders aufschlussreichen Konflikten um die Nutzung des Wassers. Teil 9, den man eher am Anfang erwartet hätte, verbindet einführende Angaben zu Hand- und Tiermühlen mit den standortbedingten Typen wie Schiff-, Brücken-, Ufer- oder hängenden Mühlen. Hinzu kommen die Bautypen, die nur selten genannten Erbauer der Mühlen (engl. millwrights), die technische Ausstattung bis ins letzte Detail. F. erfasst Makrohistorie anhand mikrohistorischer Phänomene mit konsequentester Akribie. Nirgendwo sonst findet man ähnlich ausführliche Angaben zur Kraftübertragung innerhalb der Mühlenmechanik, vom Wasserrad über die Hauptantriebswelle, die Getriebe, Kurbeln, Pleuelstangen, die Nockenwellen zum Heben der Stampfen und Hämmer, die Vorrichtungen zum Ziehen der Blasebälge, Drehen von Bohrern, die mit Wasserkraft betriebenen Sägen, die groben und feinen Drahtzüge. Kapitel 10 widmet sich den im MA entwickelten Spezialmühlen jenseits der zahlenmäßig dominierenden Mahlmühlen. Man hat zu Recht gesagt, dass am Ende des MA nur wenige gewerbliche Arbeitsgänge verblieben sind, die nicht mit Wasserkraft bewältigt werden konnten. Nicht vergessen seien die ausführlich ausgedeuteten 17 Abbildungen, wobei man auch hier über die Fülle der beobachteten Details in den Darstellungen des 15. Jh. (ma. Hausbuch u.a.) nur staunen kann. Kleine Ergänzungen sind möglich: Bei den Eisenschmieden S. 859 sind Arbeiten von T. Kreft (2002) und A. Jockenhövel (2013) zu ergänzen, die bis ins 13. Jh. führen; ein wichtiger Beleg von Albertus Magnus kommt in Kürze hinzu (Sudhoffs Archiv 2024). Den Ursprung der westlichen Sägemühlen sehe ich im muslimischen Spanien. Vieles ergänzt aber auch die Angaben im Teil 1 meiner 2022 erschienenen Quellenanthologie zu den ma. Energieressourcen (vgl. DA 79, 649–656). In seiner ausführlichen Zusammenfassung sieht F. den Begriff einer industriellen Revolution für das MA kritisch. Im ursprünglichen Sinn trifft industria aber durchaus den ungeheuren Fleiß der ma. Mühlen- und Wasserbauer. – Obwohl alle Aussagen haarklein belegt sind, genügte der Umfang der engbedruckten 1124 Seiten nicht, um das gesamte Quellenmaterial aufzunehmen. Auf der beigegebenen CD-Rom erhält man deshalb 21 zusätzliche Dateien und ein umfangreiches, fein untergliedertes Register, aus dem vor allem die Stadt- und Dorfgeschichte Süddeutschlands, der Schweiz und des Elsass reichen Gewinn ziehen wird. Ergänzend sei noch auf eine ähnlich monumentale, 2024 erschienene Monographie von Pierre Marchandin zu den Mühlen von Paris (13.–16. Jh.) verwiesen, die ich in der Zeitschrift Le Moyen Âge besprechen werde.

Dietrich Lohrmann